Anja Passehl – Prokuristin bei SEA-NET GmbH

Über Umwege zur Führung und warum Klarheit ihr wichtigster Maßstab ist.

Anja Passehl geht nicht den klassischen Karriereweg und genau das macht ihre Geschichte so besonders.  Erst die Ausbildung in Hamburg. Dann ein Jahr in Amerika. Danach ein Studium in Rostock. Nichts daran ist geradlinig – alles daran ist bewusst. Heute verantwortet sie als Prokuristin den gesamten kaufmännischen Bereich bei SEA-NET, einem IT-Unternehmen in Rostock und hat diesen selbst aufgebaut. Was ihr dabei geholfen hat? Ein Mentoring-Programm. Und vor allem: die Erlaubnis, zu führen.  Sie wartet nicht darauf, bis sie jemand auswählt. Sie geht einfach los. Klarheit ist dabei ihr wichtigstes Werkzeug. Klar kommunizieren. Klar entscheiden. Klar führen.

Anja Passehl im Interview

Was hat Sie auf Ihrem Karriereweg besonders geprägt?

»Ich hatte die Freiheit in vielen Bereichen und in einem fremden Land Erfahrungen zu sammeln. Nach dem Abitur wollte ich nicht studieren, also habe ich eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten in Hamburg gemacht. Danach war ich zwei Jahre in einem IT-Unternehmen als Teamassistentin, bin für ein Jahr in die USA gegangen und habe anschließend an der Uni Rostock studiert: Anglistik, Amerikanistik und sprachliche Kommunikation & Kommunikationsstörungen.

Gerade das Studium nutze ich bis heute: Gespräche führen, Konflikte lösen, unterschiedliche Perspektiven verstehen. Während des Studiums kam die Anfrage von meinem heutigen Chef. Die SEA-NET war damals erst ein gutes Jahr alt und brauchte kaufmännische Unterstützung. Seit 2010 baue ich diesen Bereich bei SEA-NET auf und aus.«

Sie haben neben Ihrer Arbeit nochmals studiert. Warum?

»Ich habe anfangs alles aus dem Bauch heraus gemacht. Das erschien mir nicht professionell genug. Gerade im Controlling war mir wichtig zu wissen: Mache ich die Dinge wirklich richtig? Deshalb habe ich 2015 neben meinem Vollzeitjob Betriebswirtschaft studiert. Und auch erfolgreich abgeschlossen. Dieses zweite Studium hat mir enorm geholfen: Vieles hat sich bestätigt, manches habe ich angepasst.«

Wie hat Ihnen das Mentoring-Programm „Aufstieg in Unternehmen – Mentoring für Frauen in der Wirtschaft in M-V“ auf Ihrem Weg geholfen?

»Sehr. Das Matching mit meiner Mentorin Imke Mentzendorff, damals Geschäftsführerin der Ostsee-Zeitung, war ein Volltreffer. Wir hatten drei oder vier Termine – mehr brauchte ich nicht. Fachlich war ich längst so weit: Verantwortung, Erfahrung, alles da. Was fehlte, war in meinem Kopf. Dieses Warten auf Erlaubnis. Darauf, dass jemand sagt: Du darfst entscheiden. Diese habe ich mir ab dann selbst gegeben.«

Gab es einen konkreten Moment, der alles verändert hat?

»Ja, als ich Imke einen Tag begleiten durfte. Ich habe erlebt, wie sie arbeitet, wie sie entscheidet, wie sie auftritt. Da hatte ich zwei erhellende Momente: Alle kochen nur mit Wasser. Und: Ich kann das. Ich habe verstanden, dass ich Ideen habe, die Erfahrung habe und Entscheidungen treffen kann. An dem Tag habe ich im Kopf von der Teilzeit-Teamassistentin auf Unternehmerin mit Führungsverantwortung umgestellt.

Wie haben Sie sich in der Rolle als Führungskraft entwickelt?

»Mein Kommunikationsstudium war dafür eine wichtige Grundlage. Gesprächsführung, Mediation, Coaching, Arbeits- und Organisationspsychologie. Das alles hatte ich schon gelernt. Ich musste es nur anwenden und auf unser Unternehmen übertragen. Ich habe klare Strukturen eingeführt: Mitarbeitergespräche mit vorbereiteten Fragebögen, 360-Grad-Feedback; ein ordentliches Onboarding und Offboarding. Und durch Imke habe ich nochmal verstanden, wie wichtig Rückkopplung für mich selbst als Führungskraft ist.«

Wie hat sich Führung über die Jahre verändert?

»Moderne Führung geht mit der Zeit: Die Themen verändern sich, die Mitarbeiter verändern sich, ich verändere mich. Ich mag keine Routine. Sobald etwas zur Gewohnheit wird, hinterfrage ich sie. Auch in der Führung. Was mich dabei leitet, ist Klarheit. Mein Gegenüber soll immer wissen, woran es bei mir ist.«

Wie haben Sie als Frau in einem männerdominierten Umfeld Autorität aufgebaut?

»Indem ich bei mir selbst angefangen habe. Wenn ich mich als Teilzeit-Assistentin verhalte, werde ich auch so wahrgenommen. Ich habe gelernt, meine Haltung zu ändern. Zusätzlich hat sich unsere Firma Unterstützung geholt, einen Coach, um von der Ferienlagermentalität wegzukommen. Auch ein kleines Familienunternehmen braucht Struktur, Prozesse und klare Rahmenbedingungen. Und das fängt mit der eigenen Einstellung an.«

Was verbinden Sie mit dem Begriff "Lieblingsplatz"?

»Ich bin total gerne mit meinem Hund am leeren Strand von Graal-Müritz. Oder in der Halle bei einem Basketballspiel, egal ob NBA oder unsere Rostock Seawolves Frauen. Oder in Argentinien – mein Herzensort. Ich bin einfach gerne auf der Welt. Und immer ein bisschen unterwegs.«

Was verbinden Sie mit dem Begriff "Tapetenwechsel"?

»Etwas Gutes. Ich bin sehr neugierig und möchte die Welt sehen. Am liebsten jeden Monat etwas Neues entdecken. Die Welt ist so groß und schön. Ich brauche den Tapetenwechsel«

Was verbinden Sie mit dem Begriff "Einzigartigkeit"?

»Wir sind alle einzigartige Menschenkinder. Und diese Einzigartigkeit sollten wir so offen, so neugierig und so liebevoll wie möglich leben.«

Steckbrief

Name:
Anja Passehl

Jahrgang:
1979

Hobbies:
Basketball, Boot fahren, backen

Ehrenamtliche Tätigkeiten:
IHK Vollversammlung – Vizepräsidentin, Handelsrichterin, Unternehmerverband Rostock, RMI, Hauptsponsor für die Rostocker Seawolves Basketballerinnen, Rostocker Marketing Initiative

Branche / Unternehmen:
IT- und Maritimbranche

Position:
Prokuristin

Schwerpunkte der aktuellen Tätigkeit:
Personalmanagement und Controlling

Wie viele Mitarbeiter/innen sind Ihnen unterstellt?
18 Mitarbeiter/innen